Abseits allgemeiner Ratgeberliteratur zu Digitalisierung, KI und Industrie 4.0 beschäftigt sich Stefan Kühner in seinem kürzlich im PapyRossa-Verlag erschienenen Buch mit den politisch-gesellschaftlichen Hintergründen o.g. Themen. Titel: „Neue Technik neue Wirtschaft, neue Arbeit?“

Schon auf den ersten Seiten, wenn es um die Anfänge des Industriezeitalters im 19. Jahrhundert und damit das Entstehen des Kapitalismus geht, wird mit Zitaten aus dem Kommunistischen Manifest der ideologische Rahmen gesteckt. Die vierte industrielle Revolution skizziert Stefan Kühner in seinem jetzt vorgelegten Buch demnach zwar auch als technologisches Phänomen, betrachtet sie aber vor allem unter dem Blickwinkel ihrer Funktion, den traditionellen Hegemonialmächten des weltweiten Kapitalismus der westlichen Welt angesichts gesättigter inländischer Märkte und des Aufkommens neuer Akteure weitere Profitmaximierung zu sichern. Diese versuchten derzeit, durch Anschub der Produktivkraftentwicklung ihre historische Dominanz aufrechtzuerhalten – ein Streben, das schon im Kommunistischen Manifest angeprangert wird. So kommentiert das Buch die aus der vierten industriellen Revolution resultierenden weltweiten sozialen Verwerfungen vor allem kritisch.

Eine klassenlose Gesellschaft im Marxschen Sinne ist von dieser Revolution, so der Autor, wohl nicht zu erwarten. Vielmehr sei mit einer weiteren Spaltung und Entsolidarisierung der Arbeiterklasse angesichts zunehmender weltweiter Verteilungskämpfe zu rechnen. So schließt Kühner – Brecht und Hegel-Verweise inklusive – eine Lücke in einer bislang vornehmlich betriebswirtschaftlich orientierten Literatur zum Thema, die sich vor allem damit beschäftigt, wie Unternehmen die derzeitigen Veränderungen für sich nutzen können (bzw. sollten), um nicht von den technologischen Entwicklungen überrollt zu werden.

Eingefasst in diesen politisch-gesellschaftlichen Rahmen, kommt der Autor dann recht konkret auf die einzelnen Aspekte von Digitalisierung und Industrie 4.0 zu sprechen. Er beleuchtet kritisch die von rein ökonomischen Interessen getriebene Diskussion um die Einhaltung ethischer Standard beim Einsatz künstlicher Intelligenz. Prägnant erläutert er  verschiedene Formen der Plattformökonomie und gibt griffige Definitionen der gängigsten Buzzwords. Kühner skizziert das Digitalisierungsprogramm der Bundesregierung, die intelligente Autofabrik und erfolgreiche Modelle der Sharing Economy.

Verknüpft damit ist stets die Frage nach Profiteuren und Verlierern bei Einführung der jeweiligen Technologie. Gewinner sind in aller Regel die Unternehmen, Verlierer wahlweise  Bürger*innen, Konsument*innen oder Arbeitnehmer*innen. Damit pflegt der Autor einen mitunter zu einfachen Dualismus. Gerade im Falle der öffentlichen Verwaltung gibt es entgegen im Buch herangezogenen Studien auch andere Untersuchungen. Sie besagen: Verwaltungsangestellte werden durch Einsatz neuer Technologien vor allem entlastet und sind darüber (allen anfänglichen Vorbehalten zum Trotz) vor dem Hintergrund des gravierenden Personalmangels in der öffentlichen Verwaltung nachgerade froh. Auch ob Pflegebedürftige vor den neuen, mit KI ausgestatteten Pflegerobotern ausschließlich Furcht empfinden, muss bezweifelt werden. Hierzu gibt es zahlreiche anderslautende Aussagen von Betroffenen.

Alles in allem aber ein „politisch korrektes“ Buch mit hohem Nutzwert. Für Stefan Kühner bleibt am Ende nur die Überwindung des Kapitalismus als Mittel zur Änderung der aktuellen Verhältnisse. Antikapitalistischen Kräften obliege es, den Verlauf der Digitalisierung und ihre Auswirkungen im Interesse der Lohnabhängigen zu beeinflussen. Den kanadischen Schriftsteller Nick Srnicek zitierend, ist er überzeugt: „Wir müssen (…) neue Modelle entwickeln, wie eine öffentliche, gemeinnützige Kontrolle aussehen kann.“